Bin ich ein Krimineller?

6. September 2011 Posted by Bytewurm

Montag, 5.9.2011, Vormittags. Kandidatenbefragung der IHK zur Landtagswahl in Berlin. Frau Künast antwortet auf die Frage wie sie denn eine Koalition mit Linkspartei und Piratenpartei „verkaufen“ unter anderen mit diesem Nachsatz: „Auch Piraten kann man resozialisieren, wäre meine These“.

Uff. Wie war das? (Das ganze ist hier nachzuhören)

Sie hat es versucht spaßig rüberzubringen, aber egal wie man eine Unverschämtheit verpackt: es ist und bleibt eine Unverschämtheit.

Die Wikipedia sagt zu „Resozialisierung„:

Der Begriff der Resozialisierung geht von der Vorstellung aus, ein Straftäter habe sich durch seine Tat außerhalb der Gesellschaft gestellt oder jedenfalls offenbart, dass er nicht im erforderlichen Maße in diese Gesellschaft eingebunden sei.

Soso, die ca. 12000 Mitglieder größten außerparlamentarischen Partei in Deutschland sind also Kriminelle oder ihnen zumindest gleichgestellt? Das kann Frau Künast nicht wirklich gemeint haben, oder? Wie kann man denn mehr in der Gesellschaft stehen als wenn man sich in einer demokratischen Partei engagiert? Da hat sie sicherlich was durcheinandergeworfen, sonst wären die Grünen seinerzeit nicht über die Gründungsversammlung hinausgekommen, sondern gleich vom Verfassungsschutz verhaftet worden.

Aber die Wikipedia bietet noch eine andere Variante an:

 

Der Begriff Resozialisierung wird vielfach […] synonym mit dem der Re-Sozialisation gebraucht. Der letztere Begriff verweist stärker auf Defizite der (vor allem frühkindlichen) Sozialisation, welche am ehesten therapeutisch bearbeitet werden könnten.

„Defizite der frühkindlichen Sozialisation“. Das kanns dann schon eher sein, benehmen wir Piraten uns doch bisweilen etwas infantil und unreif, trotzdem sehe ich uns weit entfernt von einem Therapiebedarf oder hätte man einst Joschka Fischer in die geschlossene Anstalt abführen sollen als er mit Turnschuhen im Parlament zur Vereidigung antrat oder als er später den Bundestagspräsidenten ein Arschloch nannte (wenn auch mit Verlaub).

Meine Piratenkollegen haben sich an einigen Stellen schon echauffiert, bzw. Kontra verteilt:

 

Und selbst der SPD geht das zu weit, wie man hier nachlesen kann:

 

Wie auch immer, ich glaube Frau Künast hat das nicht so wirklich ganz ernst gemeint (haben Sie doch nicht, oder?). Ich will gerne glauben, dass das einfach eine unglückliche Formulierung war, die aber einer Spitzenpolitikerin so nicht „rausrutschen“ dürfte.

Das Mindeste was wir erwarten dürfen, ist eine öffentliche Entschuldigung. Und dann, liebe Mitpiraten, sollten wir es auch gut sein lassen (nur um schonmal den gewetzten Entermessern vorzubeugen) und uns weiter auf unsere Ziele konzentrieren.

 

Schuldig im Sinne der Anklage.

 

Edit 7.9.11: Mir ist sehr wohl bewusst, dass das wohl ein Wortspiel im Zusammenhang mit „Piraten“-Partei sein sollte. Sinnvollerweise hätte ich das besser eingebracht, ja. Hab ich nicht – schlechter Artikel? Ja? OK. Schade 🙂

Anyhow, es war trotzdem nicht lustig. Manche Dinge sagt man einfach nicht.

Und nein, die Kommentarfunktion habe ich nicht wegen der eingegangen – für mich wenig schmeichelhaften – Kommentare deaktiviert – die sollte überhaupt nicht an sein.

7 Responses to Bin ich ein Krimineller?

  1. Thomas says:

    Natürlich hat sie das nicht ernst gemeint: Ausgangspunkt war wohl eine ebenso nicht ernst gemeinte Frage, oder glaubst Du wirklich, dass es eine Koalition Grüne-Piraten-Linkspartei, so wie der Frager das fiktiv in den Raum gestellt hat, geben wird?

    Und vielleicht hättest Du bei Wikipedia auch mal den Begriff Pirat/Piraterie nachschlagen sollen, um den Witz zu verstehen. Das war eine Anspielung auf den Parteinamen. Es kann doch nicht sein, dass Piraten nicht wissen, was die ursprüngliche Bedeutung des eigenen Parteinamens ist???

    • Bytewurm says:

      Ja, war es ein Witz? Sagt wer? Und wenn es so gemeint war, dann muss es deshalb noch lange nicht lustig sein.
      Es kann doch nicht sein, dass ich alles hinnehmen muss, nur weil es vielleicht nicht so gemeint war? Sie hat sich im Ton vergriffen, dafür kann man sich entschuldigen – und dann ists auch gut und man macht das Fass wieder zu. Wer im Wahlkampf starke Worte in den Raum wirft muss halt damit rechnen, dass was zurückschallt.

  2. Martin says:

    Es spricht Bände über die Piraten-„Partei“, dass sich die Mitglieder nun an einem schlechten Wortspiel aufreiben und „Unverschämtheit!“ keuchen. Herzlichen Glückwunsch! So gekonnt spielen nicht einmal die „Alt-Parteien“ den Biedermeier.

    • Bytewurm says:

      Interessant, dass man sofort ein Biedermeier ist, wenn man sich nicht derartig im sozialen Vorgarten herumtrampeln lassen will. Es mag lustig gemeint gewesen sein, aber so ist es nicht angekommen – was letztendlich entscheidend ist.

  3. Black Sabbat says:

    Kindergarten.

  4. Captain says:

    Auf Wikipedia steht auch das:

    Bei Piraterie (von griechisch πειρᾶν peiran, eigentlich „nehmen/wegnehmen“, über πειρατής, peirātḗs und lateinisch pirata, „Seeräuber“) oder Seeräuberei handelt es sich um Gewalttaten, Eigentumsdelikte oder Freiheitsberaubungen, die zu eigennützigen Zwecken unter Gebrauch eines See- oder Luftfahrzeugs auf hoher See oder in anderen Gebieten verübt werden, die keiner staatlichen Gewalt unterliegen.

    Vielleicht verstehst du so das Wortspiel.

    Ich halte weder Roth noch Grün für große Wortakrobaten, aber die Reaktion vieler Piraten ist amateurhaft.

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