Michael 'Bytewurm' Weber

Digital + Analog = Gegenwart

Bin ich ein Krimineller?

Montag, 5.9.2011, Vormittags. Kandidatenbefragung der IHK zur Landtagswahl in Berlin. Frau Künast antwortet auf die Frage wie sie denn eine Koalition mit Linkspartei und Piratenpartei “verkaufen” unter anderen mit diesem Nachsatz: “Auch Piraten kann man resozialisieren, wäre meine These”.

Uff. Wie war das? (Das ganze ist hier nachzuhören)

Sie hat es versucht spaßig rüberzubringen, aber egal wie man eine Unverschämtheit verpackt: es ist und bleibt eine Unverschämtheit.

Die Wikipedia sagt zu “Resozialisierung“:

Der Begriff der Resozialisierung geht von der Vorstellung aus, ein Straftäter habe sich durch seine Tat außerhalb der Gesellschaft gestellt oder jedenfalls offenbart, dass er nicht im erforderlichen Maße in diese Gesellschaft eingebunden sei.

Soso, die ca. 12000 Mitglieder größten außerparlamentarischen Partei in Deutschland sind also Kriminelle oder ihnen zumindest gleichgestellt? Das kann Frau Künast nicht wirklich gemeint haben, oder? Wie kann man denn mehr in der Gesellschaft stehen als wenn man sich in einer demokratischen Partei engagiert? Da hat sie sicherlich was durcheinandergeworfen, sonst wären die Grünen seinerzeit nicht über die Gründungsversammlung hinausgekommen, sondern gleich vom Verfassungsschutz verhaftet worden.

Aber die Wikipedia bietet noch eine andere Variante an:

 

Der Begriff Resozialisierung wird vielfach [...] synonym mit dem der Re-Sozialisation gebraucht. Der letztere Begriff verweist stärker auf Defizite der (vor allem frühkindlichen) Sozialisation, welche am ehesten therapeutisch bearbeitet werden könnten.

“Defizite der frühkindlichen Sozialisation”. Das kanns dann schon eher sein, benehmen wir Piraten uns doch bisweilen etwas infantil und unreif, trotzdem sehe ich uns weit entfernt von einem Therapiebedarf oder hätte man einst Joschka Fischer in die geschlossene Anstalt abführen sollen als er mit Turnschuhen im Parlament zur Vereidigung antrat oder als er später den Bundestagspräsidenten ein Arschloch nannte (wenn auch mit Verlaub).

Meine Piratenkollegen haben sich an einigen Stellen schon echauffiert, bzw. Kontra verteilt:

 

Und selbst der SPD geht das zu weit, wie man hier nachlesen kann:

 

Wie auch immer, ich glaube Frau Künast hat das nicht so wirklich ganz ernst gemeint (haben Sie doch nicht, oder?). Ich will gerne glauben, dass das einfach eine unglückliche Formulierung war, die aber einer Spitzenpolitikerin so nicht “rausrutschen” dürfte.

Das Mindeste was wir erwarten dürfen, ist eine öffentliche Entschuldigung. Und dann, liebe Mitpiraten, sollten wir es auch gut sein lassen (nur um schonmal den gewetzten Entermessern vorzubeugen) und uns weiter auf unsere Ziele konzentrieren.

 

Schuldig im Sinne der Anklage.

 

Edit 7.9.11: Mir ist sehr wohl bewusst, dass das wohl ein Wortspiel im Zusammenhang mit “Piraten”-Partei sein sollte. Sinnvollerweise hätte ich das besser eingebracht, ja. Hab ich nicht – schlechter Artikel? Ja? OK. Schade :-)

Anyhow, es war trotzdem nicht lustig. Manche Dinge sagt man einfach nicht.

Und nein, die Kommentarfunktion habe ich nicht wegen der eingegangen – für mich wenig schmeichelhaften – Kommentare deaktiviert – die sollte überhaupt nicht an sein.


Wir sind Borg!?

Vor zwei Tagen las ich den Artikel “Nach dem Datenschutz” von Julia Schramm in der Flaschenpost. Ich fand ihn weder besonders toll geschrieben, noch konnte ich mich mit der Konklusio einverstanden erklären in dieser Form, aber mir waren einige Dinge von Anfang an klar:

  1. Hier hat jemand eine eigene Meinung
  2. Diese Meinung wurde durchaus adäquat vorgetragen
  3. Das habe ich zu respektieren auch wenn mir der Inhalt nicht unbedingt gefällt

Ich kenne Julia nicht persönlich, das muss ich auch nicht, aber scheinbar gibt es viele, die sich sofort aufschwingen sehr persönliche Anschuldigen loszuwerden (siehe Kommentare zum Artikel). Ich finde die Darstellung und Argumentation auch merkwürdig und ich hätte mir ebenso wie andere gewünscht, dass hier der Privatcharakter etwas besser zur Geltung kommt.

Wir Piraten sind immer schnell dabei bei anderen Parteien sofort offizielle Meinung für die Plattitüden und Dummschäwtzigkeiten von einzelnen Mitgliedern zu vermuten, nur weil die Trennlinie zwischen Privatmeinung und Parteimedium etwas unscharf ist (siehe SPD “IPv6 – Eine Gefahr mit größerem Schadenspotential als die Entdeckung der Kernspaltung“). Und was machen wir selber? Wir trennen selber nicht so scharf. Muss man auch nicht immer, denn das Leben ist nun mal nicht von knallharten Demarkationslinien durchzogen, es ist immer irgendwie verschwommen. Und schließlich machen Menschen die Partei und die Politik und man kann – auch wenn andere das Gegenteil behaupten mögen – nicht immer völlig trennscharf seine Rollen wechseln.

Ein bisschen mehr Verständnis für die andere Seite täte uns gut, denn auch das sind Menschen, die – wie wir – verstanden und akzeptiert werden wollen. Wir sind dabei unseren eigenen kategorischen Imperativ aufzugeben, wenn wir ihnen das nicht mehr zugestehen, seien es nun Piraten oder nicht-Piraten, Männlein oder Weiblein, grün-gepunktet oder lila-kariert.

Einige wenige(!) haben es mal wieder geschafft aufgrund von maximaler Intoleranz bei völliger Ahnungslosigkeit einen andern Menschen zu verletzen und eine ganze Partei in ein schlechtes Licht zu rücken. Im Nachgang zu dem Artikel von Julia ist diese wohl bedroht, belästigt und insgesamt sehr hart angegangen worden (siehe Ihren Blogeintrag “Meinung und Freiheit“). Ich bin der Sache nicht nachgegangen, habe mir also die “Beweise” nicht angeschaut, aber das ist auch nicht nötig.

Zum einen habe ich keinen Grund Julia nicht zu glauben und zum anderen deckt sich das Verhalten dieser seltsamen Mobber mit meinen eigenen Beobachtungen. Wir haben einige in unseren Reihen, die der Meinung sind “Pirat” im Parteisinne sei jeder, der seine eigenen Meinungen ohne Rücksicht auf Verluste durchprügelt und statt Dialog ggf. nur plakative und weitestgehend pubertäre Phrasen und Aktionen auf Lager hat, solange er nur den etablierten Parteien widerspricht.

Das kann so nicht richtig sein. Das ist nicht “piratig”, nicht zielführend und hat schon gar nichts mit Politik zu tun.

Ein paar Menschen respektieren andere nicht, weil sie eine andere Meinung haben. Warum aber sind sie dann Piraten geworden, warum fordern sie diesen Respekt für sich selber ein? Wir sind doch die anderen, die eben nicht im tiefen Spendensumpf sitzen, die keine lobbygetriebene Klientelpolitik wollen, wir sind die anderen, wir sind die besseren. Wir machen alles anders, wir sind toller, doller und überhaupt. Widerstand ist zwecklos. Wir sind Borg!?

Nein, so geht es nicht. Ich will, dass alle individuell bleiben können und ihre Meinung sagen, wenn das große Ziel dabei immer im Blick ist. Gewalt (auch verbale) ist nicht zielführend und zeugt von politischem Unvermögen – vielleicht tritt man dann besser bei der <persönlich-favorisierte-Aktivistengruppen-einfügen> ein und bei den Piraten aus.

Die Ideale die wir haben (und die unterscheiden sich innerhalb der Piraten ganz ordentlich) müssen alle(!) geschützt werden, da hat niemand das Recht seine eigene Meinung in dieser Form über die eines anderen zu stellen.

Die Gleichzeitigkeit der Meinungen und das Miteinander der Menschen ist der Weg, den wir gehen sollten, nicht der Anti-XY Terror, das Beleidigen, Diffamieren. Wer nicht adäquat artikulieren kann, was er meint, der ist in der Politik falsch. Natürlich darf man mal daneben liegen und sich auch mal im Ton vergreifen – aber derartige persönliche Anfeindungen wie gegen Julia haben da nichts verloren.

Die Piraten sind bald am Scheideweg angekommen, an dem die 10% Aktiven die 80% Standard-Piraten mitnehmen und die 10% Restindividuen loswerden müssen, denn im Blick der Öffentlichkeit – und dafür werden andere Parteien sorgen, so wie wir mit Ihnen bisweilen umgegangen sind – stehen oft nur die letzteren.


Privatkopie – England legt vor

Endlich tut sich etwas an der lobbyverseuchten Front der Anti-Kopierer. England will nun die Privatkopie legalisieren und hat scheinbar auch das unsinnige Instrument der Netzsperren aus der Diskussion gestrichen:

In Großbritannien ist das Übertragen von legal erworbener Musik oder Videos in andere Formate (etwa von einer CD in eine MP3) sowie das Anlegen von Back-Ups der eigenen CD- oder MP3-Sammlung bislang verboten. Jetzt will das Land sein Urheberrecht aber modernisieren. Der britische Wirtschaftsminister Vince Cable hat am Mittwoch mitgeteilt, dass das Kopieren von CDs und DVDs für den Privatgebrauch legalisiert werden soll. „Dadurch wird das Gesetz in Einklang mit dem gesunden Menschenverstand gebracht“, so Cable zum Guardian.

(Quelle: http://futurezone.at/netzpolitik/4317-grossbritannien-legalisiert-privatkopie.php)

Dieser Schritt ist zu begrüßen und die Aussage mit dem “gesunden Menschenverstand” unterschreibe ich sofort. Hoffentlich nehmen sich auch unsere Politiker ein Beispiel, wie man die digitale Welt in die Realität integriert und nicht mit analogen und anachronistischen Mitteln versucht zu verbiegen. Die private Kopie von legal erworbenen Medien muss erlaubt sein, der gewerbliche Handel damit sollte es nicht sein!

Studien belegen immer wieder, dass “Kopierer” (auch Filesharer) mit die besten Kunden für legal erworbene Medien sind, Infos darüber gibt es zB hier:

  1. Ehemaliger EMI-Manager über Piraten und das Musikgeschäft
  2. Nutzer von kino.to gehen überdurchschnittlich oft ins Kino…
  3. The Effect of File Sharing on Record Sales (Oberholzer-Gee, Felix & Strumpf, Koleman (March 2004))
  4. Die Unterhaltungsindustrie gegen das Filesharing (Achmed Baizza)

Die Content-Industrie kontert mit eigenen Studien, die – natürlich – zu anderen Ergebnissen kommen.